Durchgespielt: Life is strange – Before the Storm: Episode 1

Endlich ist es da, das neue Life is strange! Wie ihr bereits wisst, bin ich großer Fan des ersten Teils und entsprechend groß war die Vorfreude auf dieses Prequel, in dem wir Chloe näher kennenlernen. „Before the storm“ wird jedoch nur 3 Episoden umfassen und ist auch nicht aus dem Hause Dontnod, sondern wurde von Deck Nine entwickelt.

Im Gegensatz zu Max im ersten Teil hat Chloe keinerlei Fähigkeiten und muss ihren Teenie-Alltag wie jeder andere bestreiten. Einzig neue Mechanik ist das Dialogsystem, das jetzt eine Art Wortkampf ermöglicht. Hier kann man mit anderen diskutieren und streiten, indem man die jeweils besseren Argumente oder Beleidigungen bringt. Wer das Beleidigungsfechten in Monkey Island noch kennt, weiß Bescheid.

Die Handlung von Before the storm

Before the storm spielt, wie erwähnt, vor den Geschehnissen aus dem ersten Teil. Max ist noch in Seattle und der Kontakt mit Chloe ist nur noch sehr sporadisch. Chloe ist absolute Einzelgängerin und hat keine Freunde. Ihrer Mutter macht sie das Leben schwer, weil sie lieber nachts um die Häuser zieht als morgens in der Schule zu sitzen. Mit dem neuen Freund ihrer Mutter kommt sie gar nicht klar. Ihr fehlt ihr Vater, der bei einem Autounfall starb und dass die Mutter nun neues Glück sucht, ist für Chloe schwer zu ertragen. Noch ist sie nicht komplett in ihrere Rebellenphase angekommen. Die Haare sind noch braun, nicht blau gefärbt. Die Klamotten auch noch etwas braver, sie wird sogar mal drauf angesprochen, dass ihr Nietenarmband bisschen albern wirkt.

Nachdem wir mit Chloe zu Beginn ein Metal-Konzert in einer alten Sägemühle mitten in der Walachei besucht und morgens verkatert zu Hause aufwachen, fährt uns eben dieser neue Lebensgefährte zur Schule und predigt uns erst mal, wie wichtig Disziplin ist und dass wir ihn gefälligst zu respektieren haben. Whatever, dude.

In der Schule angekommen hat man die Möglichkeit, mit diversen Mitschülern zu interagieren. Ich bin habe mit zwei Nerds ein Tabletop-Rollenspiel gespielt und als Elfenbarbarin selbstaufopfernd einen wilden Kriegsherren besiegt, um anschließend Nathan Prescott, den wir auch noch aus Teil 1 kennen (das kleine Stück Scheiße) vor einer Tracht Prügel zu retten.

Anschließend sollte es eigentlich in den Chemie-Unterricht gehen, doch wir treffen Rachel Amber, Musterschülerin aus gutem Hause, auf die Chloe jedoch einen leichten Crush hat. Nach kurzem Geplänkel beschließen die beiden, die Schule zu schwänzen und zusammen was zu unternehmen.Dabei kommen sich beide näher und merken, dass sie sich ähnlicher sind als sie dachten.

Meine Meinung

Chloe und Rachel nehmen sich eine Auszeit von der Welt der Erwachsenen

Mir gefiel die erste Episode wieder ausgesprochen gut. Vieles, was ich am ersten Teil gelobt habe, kann ich hier 1:1 wiederholen. Chloe und die anderen Jugendlichen wirken authentisch. Sie haben keinen Bock auf Spießertum und Erwachsene. Man will lieber seine Lieblingsband sehen, chillen, Party machen. Im Zimmer hängen Poster, liegen CDs und DVDs. In der Schule gibts die typischen Leute, die Sportler, die Nerds, die Theater-Kids, usw. Vielleicht ein bisschen Klischee, aber als Deutscher kann ich schwer beurteilen, ob nicht doch jede Highschool ähnliche Grüppchen hat.

Die erste Episode hat nicht wahnsinnig viel Handlung. Es geht wieder mehr um die Vorstellung der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander. Dies beginnt mit Chloe und ihrer Mutter, die ein sehr angespanntes Verhältnis zueinander haben. Man merkt, dass Chloe nicht damit klar kommt, sich selbst einsam und verlassen zu füllen, nach dem Tod ihres Vaters und auch Wegzug ihrer Freundin Max, während ihre Mutter neues Glück gefunden hat. Max selbst taucht im Spiel gar nicht direkt auf. Man kann jedoch in Chloes Handy SMS lesen und sehen, dass sie immer wieder versucht hat, mit Max Kontakt zu halten, diese aber nur sehr sporadisch antwortet und Chloe immer wieder vertröstet. Im ersten Teil dachte ich manchmal noch, Chloe sei ziemlich zickig und ätzend zu Max, aber nachdem man nun erlebt, wie sie ständig versucht hat, die Freundschaft am Leben zu halten und Max leider immer besseres zu tun hatte, entwickelt man ein ganz anderes Verständnis. Zentrale Figur für Chloe ist dann später jedoch vor allem Rachel, von der sie im ersten Teil ja schon ständig erzählt hat. Die Beziehung zu Rachel wirkte jedoch etwas gezwungen auf mich. Es erschien mir so, als würden die beiden sich erst mal nur flüchtig kennen. Dann ziehen sie zusammen los und sind sehr schnell quasi beste Freundinnen und offenbahren sich Gefühle füreinander. Das wirkte unglaubwürdig oder das Spiel hat es nicht gut rübergebracht, dass die beiden doch schon länger miteinander zu tun hatten. Rachel ist auch leider eher unsympathisch und wirkt oft arrogant und auf sich fixiert. Man erfährt zwar bisschen über ihren Hintergrund, aber die zweite Episode muss sich schon Mühe geben, um dem Spieler die Beziehung der beiden näherzubringen. Aktuell wäre mir nämlich relativ egal, was mit Rachel passiert. Ich hoffe, sie kriegen das hin, bin aber einfach mal optimistisch. Chloe mochte ich anfangs ja auch nicht sonderlich.

Witzig fand ich die kleine Rollenspieleinlage mit den „Nerds“ auf dem Schulhof. Dies beginnt schon damit, dass Steph, eine der beiden Nerds, Chloe eine gebrannte DVD verkauft mit dem Blade Runner Director’s Cut. Das war zufällig auch meine allererste DVD und einer meiner Lieblingsfilme. Dann spielen sie eben ein Rollenspiel a la Dungeons & Dragons oder Das Schwarze Auge. Habe ich früher tatsächlich auch gespielt. Daher hatte für mich diese kurze Szene sehr viel Charme und hier kann man Chloe auch mal netter und leichtherziger erleben.

Grafisch setzt man wieder auf einen eher reduzierten, comichaften Look. Es gelingt jedoch mit recht einfachen Mitteln, ästhetisch ansprechende Kulissen zu schaffen. Dabei haben wir teilweise echten Minimalismus in der Umgebung. Ein Hügel ist dann einfach mal grün. Keinerlei Grastextur, nicht mal groß Schattierungen, keine Details. Wenn darauf, dann aber 2-3 schön gestaltete und detaillierte Büsche oder Bäume stehen, ergibt sich wieder ein Gesamtbild, das angenehm und fast schon weichgezeichnet wirkt. Die Figuren haben zwar Gesichtsanimationen, aber auch die sind jetzt nicht preisverdächtig. Aber das alles ist auch gar nicht wirklich notwendig, um das gewünschte Spielgefühl zu erzeugen. Insgesamt sieht für mich die Grafik weit feiner und ansprechender aus als die Telltale-Games und man schafft es vor allem, nicht ständig Ruckler zu produzieren. Das bekommt Telltale ja bis heute nicht hin. Einen Kritikpunkt hätte ich jedoch: Manchmal hat man weiße Texteinblendungen vor weißen Grund und kann überhaupt nichts lesen. Das ist natürlich toll, wenn man mit Zeitlimit eine Entscheidung treffen soll und 2 von 3 Entscheidungen nicht lesen kann.

Für den Soundtrack setzt man fast ausschließlich auf Stücke der Band Daughter, die mir bis dahin unbekannt war. Die Songs sind sehr atmosphärisch und untermalen das Spiel sehr schön. Musik spielt allgemein wieder eine große Rolle im Spiel und man hat oft die Möglichkeit, einfach zu verharren und dem Soundtrack zu lauschen. Ob Chloe nun auf dem Bett liegt oder beim Konzert abrockt, man kann die Szene einfach auf sich wirken lassen. Würde mancher vielleicht langweilig finden, 2 Minuten nur dazuliegen und Musik zu hören, mir gefiel es jedoch sehr gut.

Mein größtes Problem bei dem Spiel war es, mein Vorwissen zu ignorieren. Wir treffen hier ja auch Charaktere, die im ersten Teil Entwicklungen durchlaufen, die hier aber ja noch nicht geschehen sind. Ich schreibe hier etwas kryptisch, weil ich ja spoilerfrei bleiben möchte. Jedenfalls gibt es Charaktere, die hier teilweise noch nett wirken, von denen wir aber wissen, dass es Arschlöcher sind. Umgekehrt mag Chloe manche Leute nicht, wir wissen aber schon, dass diese Leute eigentlich voll ok sind und uns später teilweise sogar aus der Klemme helfen. Jetzt hat man eben den Zwiespalt, dass man einerseits ja versuchen möchte, Entscheidungen zu treffen, die zu Chloe auch passen. Andererseits will man dann aber nicht Leute abfucken, die eigentlich total nett sind. Teilweise hat man hier aber wohl auch typische Telltale-Mechanismen und man kann sagen, was man will, das Ergebnis ist am Ende eh gleich. Die Ereignisse, die in der Zukunft liegen, stehen ja im Grunde auch bereits fest, da wir sie schon mit Max durchlebt haben. Fraglich, ob es da überhaupt alternative Enden geben kann.

Der Gesamteindruck ist durchweg positiv. Wir erleben spaßige Momente, aber auch dramatische und sind immer ganz nah mit dabei bei Chloes emotionaler Achterbahnfahrt. Man muss sich darauf einlassen, hier ein Teenie-Mädchen zu spielen, das mit ihren Gefühlen auch einfach mal überfordert ist und auch mit Frust und Wut nicht gut umgehen kann. Wenn man das nicht kann, wird einen Chloe tierisch nerven und auch manch anderer Charakter. Wer im Herzen noch bisschen jung geblieben ist und sich vielleicht selbst an seine Jugendzeit erinnert, wird hier jedoch schnell Identifikationspunkte finden.

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