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Filmtipp: SciFi-Thriller „Strange Days“ (1995)

Heute stelle ich mal einen meiner Lieblingsfilme vor: Strange Days von Kathryn Bigelow, die man heute vor allem durch die Filme „The Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“ kennt. Sie hat jedoch auch vorher schon einige Klassiker abgeliefert und Strange Days ist für mich der beste davon.

Handlung

Wir befinden uns in einer fernen Zukunft, wir schreiben das Jahr 1999, die Jahrtausendwende steht kurz bevor und es liegt eine Untergangsstimmung in der Gesellschaft vor. Auf den Straßen herrscht teilweise Anarchie und Chaos. Der Ex-Polizist und Antiheld Lenny Nero (Ralph Fiennes) verdient seinen Lebensunterhalt durch den illegalen Handel mit Clips. Dies sind Aufzeichnungen, die Menschen mit speziell dafür entwickelten Headsets gemacht haben, die neben dem rein Visuellen auch alle anderen Wahrnehmungen und auch Gefühle des Trägers aufzeichnen. Diese Clips werden auf eine Art MiniDisc aufgezeichnet (in den 90ers heißer Scheiß) und zu guten Preisen auf dem Schwarzmarkt gehandelt. So kann der biedere Bürohengst sich z.B. einen Clip reinziehen von einem Gangster, der gerade eine Bank ausraubt. Inklusive Adrenalinkick und allem drum und dran. Als wäre man selbst dabei gewesen, aber ohne das Risiko einer Polizeikugel im Arsch. Natürlich gibts harmlosere Varianten, z.B. könnte man sich eine Ski-Tour in Aspen kaufen, wenn man sich einen echten Urlaub nicht leisten kann, oder ein Mann im Rollstuhl schaut sich beispielsweise einen Clip an, in dem jemand mit nackten Füssen über den Strand läuft. Einfach, um das Gefühl nochmal spüren zu können.

Beste Freundin in Lennys Leben ist die Leibwächterin Mace (Angela Basset), die sein Geschäftsmodell nicht gutheißt und damit nichts zu tun haben will, aber sich immer wieder von Lenny einlullen lässt. Sie hat auch die Schnauze voll, dass Lenny seiner Exfreundin Faith (Juliette Lewis) hinterhertrauert und sich ständig Clips von ihr reinzieht. Diese ist ein Rockstar und mittlerweile mit ihrem Manager liiert. Mit Lenny will sie nichts mehr zu tun haben und er bekommt regelmäßig von Leibwächtern auf die Fresse, wenn er sich ihr nähern will.

Eines Tages sitzt Lenny mit seinem besten Freund und Privatdetektiv Max in einer Bar, als Iris, eine Prostituierte völlig aufgelöst zu ihnen kommt und sichtlich in Panik versucht, Lenny einen Clip zu geben. Sie glaubt jedoch, verfolgt zu werden und haut ab, ohne ihm die Disc zu geben. Stattdessen wirft sie sie in sein Auto, wo er sie erst wesentlich später findet. Wir finden raus, dass Iris ein Headset trug und unfreiwillig sehr brisantes Material aufgenommen hat, das sie und jetzt auch ihn und seine Freunde in große Gefahr bringt. Zu allem Überfluss ist auch noch ein perverser Killer in der Stadt unterwegs, der anscheinend ebenfalls gezielt in Lennys Umfeld wildert.

Meine Meinung

Wie gesagt, gehört der Film zu meinen Favoriten. Er schafft eine sehr dichte Atmosphäre, die sich dann auch als durchaus realistisch entpuppte. Für die jüngeren Leser: 1999 kam tatsächlich eine rational heute schwer nachvollziehbare Weltuntergangsstimmung auf. Während religiöse Fanatiker eh hinter jeder Ecke den Tag des jüngsten Gerichts sehen, kam 1999 hinzu, dass viele IT-Experten die Befürchtung hatten, dass Computersysteme die Umstellung des Datums nicht überstehen, da sie nur zweistellige Jahreszahlen haben und dann am Ende 00 stehen würde. Hier gab es echt Leute, die befürchteten, dass Flugzeuge vom Himmel fallen und Atomkraftwerke in die Luft gehen. Menschen haben auf die Uhr geschaut und gehofft, dass nach 23:59 Uhr die Welt nicht in Flammen aufgeht. Da ihr das jetzt grade lesen könnt, ist das offensichtlich nicht passiert. Doch diese komische Atmosphäre herrschte damals.

Im Film herrscht ziemliches Chaos. Leute prügeln sich auf der Straße, überall brennt es, die Polizei ist maßlos überfordert und reagiert selbst mit überzogener Gewalt und oftmals rassistischen Vorurteilen. Der Fall Rodney King, ein Afroamerikaner der 1991 in den USA von mehreren Polizisten zusammengeschlagen wurde, was zu Rassenunruhen und einigen Toten führte, war natürlich noch im kollektiven Gedächtnis und der Film greift dieses Problem innerhalb der Polizei auf. Das Thema ist heute traurigerweise noch aktueller als damals. Heute werden Schwarze ja nicht mehr zusammengeschlagen, sondern einach gleich erschossen. Auch das nimmt der Film quasi vorweg.

Die Charaktere sind glaubwürdig, Lenny ist einerseits ein Arschloch, andererseits aber auch ein liebenswerter Loser. Man merkt schon früh, dass zwischen ihm und Mace eine gewisse Chemie besteht, darum macht sie seinen Scheiß ja auch immer wieder mit. Dass der Ex-Cop mit einer afroamerikanischen Frau befreundet (oder auch mehr) ist, ist für die damalige Zeit (und auch die heutige) leider nicht selbstverständlich. Vincent D’Onofrio spielt im Film einen brutalen Bullen und liefert eine super Performance ab. D’Onofrio gehört eh zu meinen Favoriten. Er hat unter anderem Private Paule in Full Metal Jacket und kürzlich den Kingpin in der Daredevil-Serie gespielt. Schaut euch mal seine Filmographie an, da sind wirklich gute Sachen dabei.

Der Film macht auf futuristisch, aber ist gleichzeitig 90er pur. Der Soundtrack ist ziemlich geil und enthält Tracks von Skunk Anansie, Tricky und anderen, im Film hört man auch mal Marilyn Manson. Großartig. Dass die Clips auf Minidiscs gespeichert sind, ist heute etwas seltsam, die meisten kennen dieses Medium wahrscheinlich gar nicht mehr. In einem Remake würde man heute wohl einfach einen kleinen Chip oder eine Micro-SD-Karte benutzen, aber ’95 war die Zeit der Minidisc.

Wichtig ist natürlich die Story des Filmes und die ist auf jeden Fall spannend. Die Aufnahmen von Iris und der Killer stricken ein Netz, das sich um Lenny zuzieht. Wem kann er noch trauen, wer hält ihm den Rücken frei? Diese neue Technologie der Clips wird dabei auch teilweise sehr clever eingesetzt. Wohlgemerkt, damals gab es auch noch keine GoPros, keine kompakten Kameras mit Videofunktion, es war handwerklich schon etwas herausfordernder, Aufnahmen aus der Ego-Perspektive zu erstellen. Vielleicht spielt hier Bigelows Ehe mit James Cameron eine Rolle, der ja schon immer Visionär war und die Grenzen des technisch Machbaren weiter verschoben hat. Er war es übrigens auch, der das Drehbuch zu Strange Days geschrieben hat. Cameron produziert sicher nicht tiefgründiges Kino, aber er weiß, wie man unterhält und Geschichten erzählt. Daraus ergibt sich einfach eine super Kombination. Camerons Geschichte, aber Bigelows Charakterzeichnung ergeben einen Film, der nicht nur für SciFi-Fans interessant ist. Auch Fans klassischer Thriller kommen voll auf ihre Kosten.

Zum 20jährigen Jubiläum erschien eine Sonderedition auf Bluray, die für einen schmalen Taler erhältlich ist. Er war auch mal auf Netflix zu sehen, aber ob das noch so ist, weiß ich leider nicht. Den 10er für die Bluray werdet ihr jedoch auch nicht bereuen.

 

Ein Gedanke zu „Filmtipp: SciFi-Thriller „Strange Days“ (1995)

  1. Der Film ist mir auch noch rudimentär in Erinnerung. Besonders auch der Zeitgeist zur Jahrtausendwende. Da wurden dann auch Sonnenstürme und Polumkehrungen kolportiert. So blöde sich das anhört -(und wohl auch ist), ich war enttäuscht das damals gar nichts passiert ist.
    Ich kann mich eigentlich an kaum noch was erinnern, in diesem Film. Aber die Szene, wo ein Rollstuhlfahrer das Video eines Läufers am Strand genießt, und dabei wirklich Glück empfindet, blieb mir in Erinnerung.

    Müsste ihn mir wirklich noch einmal angucken. Aber wirklich herausragend fand ich ihn im Nachhinein nicht. Ein Film seiner Zeit, aber für mich ohne Strahlkraft darüber hinaus. Natürlich trotzdem sehenswert.

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