Chasing Amy von Kevin Smith

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Kevin Smith Filmografie: Chasing Amy (1997)

Für die Kevin Smith Filmografie habe ich mir gestern nochmal Chasing Amy angesehen. Den habe ich ewig nicht mehr gesehen und hatte ganz vergessen, wie gut der wirklich ist. Nachdem Mallrats ja doch eher platt und pubertär war, liefert Kevin Smith mit Chasing Amy ein wirklich gutes Beziehungsdrama ab, das durch gut geschriebene Dialoge zu überzeugen weiß. Dabei kommt der typische Smith-Humor natürlich nicht zu kurz. Es erwarten einen viele bekannte Gesichter, wir haben wieder Ben Affleck und Jason Lee, natürlich Jay und Silent Bob und Joey Lauren Adams, die in Mallrats bereits eine kleinere Rolle hatte, hier jetzt im Zentrum des Geschehens steht.

Während Mallrats bei einem Budget von 6 Millionen nur 2 wieder an den Kassen einspielte, kehre Smith hier eher wieder zu seinen Independent-Wurzeln zurück und drehte den Film für 250.000 Dollar. Am Ende spielte er 12 Millionen wieder ein. Ein voller Erfolg. Zu Beginn lief der Film gerade mal in drei Kinos in den USA, am Ende in fast 500. In Japan wurde das Drehbuch sogar zu einem Roman ausgearbeitet.

Worum gehts in Chasing Amy?

Holden McNeill (Ben Affleck) und sein bester Freund Banky (Jason Lee) produzieren gemeinsam eine Comicserie, Bluntman & Chronic, die auf Jay und Silent Bob basiert, diese aber zu kiffenden Superhelden macht. Zu Beginn des Filmes sind die beiden Gäste auf einer ComicCon und unterschreiben Comics für Fans. Dort lernen sie über einen Freund die Comiczeichnerin Alyssa (Joey Lauren Adams) kennen und gehen alle zusammen abends noch aus. Holden ist schnell hin und weg von der lebhaften und quirligen Alyssa und freut sich natürlich extrem, dass diese ihn kurz darauf erneut treffen will. Offensichtlich muss sie ihn auch mögen. Doch zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass sie lesbisch ist. Jede Geschichte aus ihrer sexuell sehr aktiven Vergangenheit wird nun zum Stich ins Herz, dennoch kann er es nicht lassen, sich weiterhin mit ihr zu treffen. Dafür vernachlässigt er auch zunehmend seinen Freund Banky, der entsprechend Neid auf Alyssa entwickelt. Er versucht, Holden klar zu machen, dass er Alyssa nicht haben kann und er sich selbst nur kaputt macht, wenn er weiter mit ihr rumhängt. Doch Holden lässt sich nicht beirren.

Sie könnten so glücklich sein…

Irgendwann hält er es nicht mehr aus und gesteht Alyssa seine Liebe. Diese ist zunächst geschockt, erkennt jedoch, dass auch sie Gefühle für Holden hat und geht mit ihm eine Beziehung ein. Beide sind zunächst überglücklich, doch Holden plagen Gefühle der Unzulänglichkeit, weil Alyssa eben eine weit wildere Vergangenheit hat als er. Auch hiervor hat ihn Banky gewarnt. Er befürchtet, auf lange Sicht einfach zu langweilig für sie zu sein und hinterfragt, warum sie jetzt ausgerechnet für ihn ihre geschlechtliche Neigung geändert hat. Sein Misstrauen wächst und schlägt nach und nach um in Aggression. Er macht ihr zunehmend Vorwürfe, früher quasi eine Schlampe gewesen zu sein. Die Beziehung sowohl zu Alyssa als auch Banky wird auf eine harte Probe gestellt.

 

Meine Meinung

Gleich vorweg: der Film gehört zu Kevin Smiths besten Werken und sowohl er als auch Jason Lee und Joey Lauren Adams haben zum Teil Auszeichnungen bekommen. Natürlich keine Oscars, eher Awards im Independent-Bereich. Doch das soll die Wertschätzung des Filmes nicht schmälern. Kevin Smith und Joey Lauren Adams waren übrigens zu der Zeit ein Paar und während der Beziehung ist das Drehbuch entstanden.

Der Film hebt sich stark ab von typischen romantischen Komödien, die ein Klischee nach dem anderen rausballern und natürlich ein Happy End haben müssen. Hier erhalten wir wirklich tiefen Einblick in zwei Beziehungen, die zwischen Holden und Alyssa und die zu seinem Freund Banky. Beide bröckeln auseinander und als Zuschauer will man Holden manchmal einfach packen und so lange schütteln, bis er zur Vernunft kommt und einfach glücklich ist mit dem, was er hat. Mit seiner Unsicherheit versaut er nicht nur sich das Leben, sondern auch den Menschen, die ihm am wichtigsten sind.

Das Skript

Ich ziehe immer wieder den Vergleich zu Mallrats, aber Smith hat ja auch nicht viel gemacht vorher. Jedenfalls ist das Script-Writing in Chasing Amy in einer ganz anderen Liga. Die Dialoge wirken aus dem Leben gegriffen, man kann sich mit den Charakteren identifizieren und fühlt mit ihnen. Auch wenn man teilweise wütend wird, wenn Holden einfach dumme Entscheidungen trifft, kann man nachvollziehen, was in ihm vorgehen muss und fragt sich, ob man selbst wirklich so viel rationaler handeln würde. Alle drei Hauptcharaktere wachsen einem ans Herz und es ist schwer mit anzusehen, wie sie sich gegenseitig runterziehen. In den Dialogen verarbeitet Smith natürlich auch wieder Themen, die ihn persönlich interessieren und es wird über Comics und Star Wars gefachsimpelt, was für Nerds wie mich natürlich sehr unterhaltsam ist. Hier werden einfach echte Menschen dargestellt, nicht plumpe Pappfiguren, die Witzchen abspulen.Im Film passiert in dem Sinne ja nicht viel, alles läuft nur über Dialoge ab. Die Szenerie wechselt, aber außer miteinander reden, machen die Charaktere nicht wirklich viel. Aber es funktioniert, weil die Dialoge die Charaktere und ihre Geschichte und Motive so nachvollziehbar machen, das man im Nachhinein gar nicht realisiert, dass nur gelabert wurde. Im Film wird viel über Sex gesprochen, Alyssa erzählt von ihren Eskapaden, Banky legt nach und beide vergleichen ihre „Sex-Verletzungen“. Im Laufe des Filmes wird deutlich, dass sowohl diese Sex-Abenteuer als auch diese Wunden rein oberflächlich sind. Die richtigen Wunden entstehen erst, wenn Liebe im Spiel ist, wie die Protagonisten bald herausfinden werden. Dieses anfangs oberflächliche Gelaber wird immer tiefgründiger und emotionaler. Liebe macht stark aber auch verwundbar. Smith hat hier einach eine enorme Entwicklung als Geschichtenschreiber gezeigt. Die besten Geschichten beschreiben das Leben und das Leben schreibt die besten Geschichten. Es muss sie nur jemand zu Papier bringen. Hut ab vor Smith.

Die Darsteller

Beachtlich fand ich auch die Entwicklung der Schauspieler. Affleck, Lee und Adams waren in Mallrats zum Teil noch ziemlich unerfahren und spielten ihre Rolle manchmal hölzern, manchmal überzogen. Hier haben sie jetzt ihre Mitte gefunden und überzeugen weitestgehend in ihren Rollen. Vor allem Jason Lee liefert eine richtig gute Performance ab. In Mallrats konnte er teilweise nichtmal flache Pipikacka-Witze rüberbringen, hier spielt er jetzt den loyalen Freund, der alles tut, um seinen Kumpel davor zu bewahren, das Herz gebrochen zu bekommen. Er übertrifft teilweise auch Affleck, der manchmal noch nicht ganz on point ist. Joey Lauren Adams hat im Original leider eine sehr gewöhnungsbedürftige Stimme, was schon mal an die Schmerzgrenze geht, wenn sie in Tränen ausbricht, weil Holden sie wieder runtergemacht hat. Das grenzt manchmal an Overacting, kriegt aber meist dann noch die Kurve. Wahrscheinlich kann sie auch gar nicht weniger schrill schreien. Die ganz große Karriere ist ihr dann leider auch verwehrt geblieben, Potential hätte sie gehabt. Kevin Smith selbst hat als Silent Bob zusammen mit Jay (Jason Mewes) wieder einen kurzen Auftritt. Diesmal sind aber auch die beiden nicht einfach nur kiffende Witzfiguren, sondern haben was zu sagen. Ja, sogar Silent Bob bricht sein Schweigen für einen echten Monolog. Beide haben unterschiedliche Ansichten, wie Holden mit der Situation umgehen soll, beide ergeben Sinn. Silent Bobs Anekdote gibt dem Film letztlich auch seinen Titel. Dem aufmerksamen Leser wird ja aufgefallen sein, dass bisher nicht ein mal eine Amy erwähnt wurde, also warum heißt der Film „Chasing Amy“? Silent Bob verrät es euch.

Das Universum

Der Film gehört zur Jersey-Reihe und erweitert quasi das Viewaskewniverse. Viele Charaktere und Ereignisse aus Clerks und Mallrats werden hier erwähnt und haben auch Einfluss auf die Handlung. Das alles halt lange, bevor Marvel auf solche Ideen kam. Smith haut einfach mal Filme raus, die teilweise bei verschiedenen Studios erschienen, aber alle miteinander verknüpft sind. Wenn man die Filme chronologisch schaut, hat man immer wieder schöne Rückbezüge, aber manchmal auch Anspielungen, die dann erst in späteren Filmen aufgegriffen werden. Für den Zuschauer ist es einfach spannend und auch witzig, diese Puzzleteile zusammenzusetzen. Bei Smith kommt jedoch dazu, dass er nunmal in erster Linie aus seinem Freundeskreis gecastet hat. Daher kommt es dazu, dass manche Schauspieler in verschiedenen Filmen auftreten, aber unterschiedliche Rollen spielen. Jetzt wird man sagen „Ja, Steven, so funktioniert Schauspielerei, man spielt verschiedene Rollen“. Danke für die Belehrung, Arschloch. Klar spielt ein Ryan Reynolds problemlos Green Lantern und Deadpool, Affleck hat auch schon Daredevil und Batman gespielt, die treffen aber niemals aufeinander. Die sind in unterschiedlichen Universen. Hier sind alle Charaktere nicht nur im gleichen Universum, sie sind in der gleichen Stadt und kennen sich teilweise auch noch. Afflecks Charakter in Chasing Amy kennt zum Beispiel seinen Charakter aus Mallrats. Das ist erst mal absurd, vor allem werden wir Affleck noch in weiteren Filmen in weiteren Rollen sehen, aber es funktioniert, da die Charaktere auch nie aufeinander treffen, sondern höchstens übereinander sprechen.

Mein Fazit

Chasing Amy ist einer der wenigen Smith-Filme, aus denen man tatsächlich was lernen kann. Er zeigt uns, wie wichtig es ist, seinen Partner entweder so zu akzeptieren wie er ist, auch mit all seiner Vergangenheit. Menschen ändern sich, doch ihre Vergangenheit bleibt und kann nicht ungeschehen gemacht werden. Akzeptiert, wer euer Partner früher war und liebt den Menschen, der er jetzt ist. Wenn ihr das nicht könnt, macht ihr euch kaputt, ihr macht euren Partner kaputt und am Ende steht ihr alleine da mit all eurer Unsicherheit und all euren Selbstzweifeln.

Chasing Amy ist ein großartiger, kleiner Film, der unterhält, ans Herz geht und einen noch über die 90 Minuten hinaus beschäftigen kann. Smith zeigt hier sein Gespür für Dialoge und offenbahrt wahrscheinlich auch viel von sich selbst. Die Darsteller liefern gute Performances und sind einfach liebenswürdige Charaktere, denen man gönnen würde, gemeinsam glücklich zu sein. Doch das Leben läuft nicht immer so, wie man es sich wünscht. Der Film hinterlässt einen nachdenklich und melancholisch. Wer hätte das erwartet von einem Kevin Smith Film? Anschauen!

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