Atypical auf Netflix

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Serientipp auf Netflix: Atypical

Heute stelle ich euch die neue Netflix-Serie „Atypical“ vor, in der es um einen Jungen mit Autismus geht, der letztlich nur normal sein möchte. Geschrieben wurde die Serie von Robia Rashid, die zuvor an How I met your mother (Dreck) und The Goldbergs (ganz ok) gearbeitet hat. In der Regel schau ich mir mal so an, was andere schreiben, bevor ich einen Artikel beginne, so auch hier. Atypical wurde in der FAZ und der Zeit ziemlich niedergeschrieben, was ich sehr sehr schade finde. Doch wie sagte eins Sokrates zu seinem Schüler? Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins, aber nur die anderen stinken.

Worum gehts in Atypical?

Die Serie dreht sich um Sam Gardner (Keir Gilchrist), der sich auf dem autistischen Spektrum befindet und klar zu den „highfunctional“ Autisten gehört. Er kann sein Leben halbwegs alleine bestreiten, kommt in der Schule klar, usw. Er hat jedoch seine Ticks. So hat er eine extreme Affinität zur Antarktis, liebt Pinguine und saugt alles auf, was mit dem Thema auch nur entfernt zu tun hat. Mit Menschen dagegen tut er sich schwer, kann deren Gefühle nicht lesen und ist selbst deshalb meist schonungslos ehrlich. Damit eckt er natürlich regelmäßig an. Der Rest der Familie ist fokussiert sich ziemlich auf ihn, insbesondere seine Mutter (Jennifer Jason Leigh) ist eine ziemlich Klucke. Sam entwickelt nun langsam das Bedürfnis, endlich mal ein Mädchen kennenzulernen und eine Freundin zu finden. Dabei steht nicht wirklich der Wunsch nach Liebe sondern eher der Wunsch nach Normalität im Vordergrund. Er will sein wie andere Jungs auch. Er verguckt sich dann in seine junge Therapeutin, was natürlich ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Sein Vater (Michael Rapaport) überzeugt ihn deshalb, sich doch eher erst mal eine Freundin in seinem Alter zu suchen, quasi eine Übungsfreundin, bevor er sich an richtige Frauen wagt. Sein Freund und Arbeitskollege im Elektronik-Markt – Zahid – gibt ihm dann noch die entscheidenden Dating-Tipps.

Doch neben Sam haben auch die anderen Familienmitglieder ihre eigenen Geschichten. Seine jüngere Schwester Casey (Brigette Lundy-Paine) hat selbst gerade ihren ersten Freund (Evan) und ist Star der Laufmannschaft der Schule. Ihr wird ein Stipendium an einer renomierten Schule angeboten, für das sie jedoch wegziehen und Evan quasi zurücklassen müsste. Die Mutter Elsa lebt im Grunde seit Sams Geburt nur noch in der Rolle „Mutter eines autistischen Kindes“ und hat sich und ihre Bedürfnisse zurückgestellt. Dies ändert sich, nachdem sie in einer Bar den jungen Barkeeper kennenlernt und eine Affäre mit ihm beginnt. Sie ist zwar von ständigen Schuldgefühlen geplagt, schafft es aber auch nicht, die Beziehung endgültig zu beenden. Der Vater bleibt leider etwas blaß. Er ist Rettungssanitäter und meist der „Gute“ in der Familie, der den Kindern vieles durchgehen lässt, so dass die Mutter wieder die Spielverderberin ist. In erster Linie spielt er Sams Ansprechpartner, der sich mit seinen Liebesproblemen lieber an das männliche Elternteil wendet, was der Mutter natürlich auch nicht gefällt.

Wir sehen nun also wie Sam versucht, eine Freundin zu finden, dabei oftmals grandios scheitert, obwohl Mädels durchaus Interesse hätten. Die Mutter treibts mit dem Barkeeper, Casey versucht ihre Beziehung mit ihrer schulischen Karriere zu vereinen und der Vater kämpft teilweise mit Gefühlen der Überforderung und auch Scham, einen behinderten Sohn zu haben.

Meine Meinung (die natürlich nicht stinkt)

Entgegen der Meinungen der pseudointellektuellen Redakteure der Zeit und FAZ gefällt mir die Serie äußerst gut, die gerade mal 8 Episoden, die zudem auch noch mit einem ziemlichen Cliffhanger enden, machen Lust auf mehr. Sam ist vielleicht schon ein wenig klischeehaft autistisch, das muss man einräumen. Er erinnert an Sheldon aus Big Bang Theory. Ich habe selbst schon mit Autisten gearbeitet und keiner davon war wie diese beiden „Vorzeige-Autisten“. Doch letztlich spricht man bei Autismus nicht umsonst von einem Spektrum. Von komplett in sich gekehrt und gar nicht ansprechbar bis hin zu Menschen, die für Außenstehende gar nicht als irgendwie anders zu erkennen sind, äußert sich Autismus in vielfältigen Formen. Die Darstellung von Sam und Sheldon entspricht halt einer gewissen Formel: Autisten brauchen feste Regeln, die sie penibel einhalten, sie alle haben eine bestimmte Begabung und mindestens ein Thema, auf das sie komplett eingeschossen sind. Bei Sam ist das eben die Antarktis, bei Sheldon waren es Züge. Nicht alle Autisten sind so und man darf hier der Serie vorwerfen, gängige Klischees zu bedienen.Der Autismus dient hier natürlich auch als Vehikel für manche Comedy-Situation, da Sam eben unverblümt Leuten sagt, was er gerade denkt. Wenn jemand unangenehm riecht, ist Sam der erste, der denjenigen darüber informiert. Soziale Grenzen kennt er nicht. Auch wieder klare Parallele zu Sheldon. Doch genau wie Jim Parsons schafft es auch Keir Gilchrist seinen Charakter so charmant zu spielen, dass man ihm nie böse sein kann. Wenn er sich wieder einen sozialen Fauxpas leistet, ist er auch schnell wieder vergeben, man denkt sich „er weiß es ja nicht besser“.

Seine Schwester Casey ist auch eine zentrale Figur in der Serie. Sie hat auch damit zu kämpfen, dass sich alles um Sam dreht und sie immer hinten ansteht. Sie erbringt Bestleistungen in der Sportmannschaft und trainiert jeden Tag, doch am Ende verpassen ihre Eltern doch wieder ihre großen Momente, weil sie sich um Sam kümmern müssen. Man gönnt es ihr, aus dieser Konstellation endlich etwas ausbrechen zu können und mit Evan einen Freund zu haben, der sich für sie und nur sie interessiert.

Die Mutter dagegen will man manchmal einfach nur packen und schütteln bis sie zur Vernunft kommt. Einerseits kann man verstehen, dass dieses enge Korsett der Mutterrolle sie über Jahre eingeschränkt hat und sie nun, da Sam langsam eher eine Beziehung zu seinem Vater aufbaut, die neue Freiheit genießen will. Doch dass sie dann mit einem wahrscheinlich 20 Jahre jüngeren Barkeeper rumvögelt, macht einen schon sauer. Vor allem, weil es nicht bei einem Ausrutscher bleibt. Michael Rapaport als Vater ist allerdings auch leider eher ein flacher Charakter. Er ist eigentlich wirklich mehr eine Helferfigur, die anderen Charakteren hilft, ihre Persönlichkeit darzustellen. Selbst hat er eher wenig zu bieten. Er bekommt ab und an die Gelegenheit, den typischen Vater zu spielen, der seine Tochter beschützen will und erst mal Tacheles mit ihrem Freund redet, das wars aber dann auch fast schon. Ansonsten schwimmt er mit dem Strom.

Insgesamt ist Atypical einfach eine unterhaltsame, charmante Serie, die nicht den Anspruch erhebt, der Welt Autismus zu erklären. Stattdessen wird einfach dargestellt, welche Hürden Menschen mit Autismus tagtäglich nehmen müssen und welche Herausforderungen auch das Umfeld bewältigen muss. Der Wunsch, einfach normal zu sein, ist wohl allzu menschlich und für jeden nachvollziehbar. Letztlich ist das der Wunsch der gesamten Familie. Man will nicht auf die Rolle „Mutter/Vater/Schwester eines Autisten“ reduziert werden, man will einfach sein Leben leben wie jeder andere. Ohne dumme Fragen, ohne Mitleid. Meiner Meinung nach ist das die Kernaussage der Serie und die manchmal etwas klischeehafte Darstellung von Autismus tut dem keinen Abbruch. Letztlich serviert man dem Zuschauer halt den Autismus, den er kennt und erwartet. Mich stört da auch immer die Pseudo-Empörung, wenn es heißt „Ja, aber es sind ja nicht alle so“. Das behauptet ja auch keiner. Dieser eine ist aber so. Vielleicht sollte man mal davon wegkommen, jede Darstellung einer Minderheit als repräsentativ für die Gesamtheit zu sehen. Warum soll Sam für alle Autisten stehen? Steht die Mutter für alle weiße Hausfrauen? Gehen alle Hausfrauen fremd? Seltsamerweise empören sich ja auch immer nur Leute, die selbst der Minderheit gar nicht angehören. Egal.

Lange Rede, kurzer Sinn: Atypical kann ich jedem ans Herz legen, der einfach eine charmante Coming-of-Age Geschichte sucht mit sympathischen Charakteren, einer Prise Humor, aber auch etwas Drama. Letztlich lachen wir nicht über Sam, sondern freuen uns über seine Entwicklung und seine Erfolge, mögen sie noch so klein sein. Die Staffel war viel zu schnell vorbei und ich hoffe, dass die Serie erfolgreich genug ist, dass es eine Fortsetzung gibt. Denn so wie die erste Staffel endete, kann man den Zuschauer nicht hängen lassen.

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