Life is strange

© Square Enix

Spieletipp: „Life is strange“ – Mehr als ein Teenie-Drama

Heute möchte ich über das Spiel „Life is strange“ vom französischen Entwicklerteam Dontnod Entertainment sprechen bzw. schreiben. Das Spiel scheint mir trotz einhellig guter Bewertungen seitens der Kritiker immer noch ein Geheimtipp zu sein. Dabei ist es für mich ein Spielerlebnis, das man so nur selten geboten bekommt, dass einen emotional mitreisst und einem auch gern mal emotional in die Eier tritt. Viele Spiele leiden darunter, dass einem die Protagonisten schon egal sind und alle Nebenfiguren nur nerviges Beiwerk darstellen, einem im Weg stehen, einen vollsülzen, ein Klotz am Bein sind. Action können viele, Charaktere leider nur wenige. Life is strange ist da anders.

Life is strange Max and Chloe friendship

Zur Handlung:

Vorab: Das Spiel ist, wie von Telltale-Spielen bekannt, in Episoden aufgeteilt, die nach und nach veröffentlicht wurden. Ich habs erst später und dann am Stück gespielt. Im Nachhinein bin ich da auch sehr froh drüber, da manche Episoden mit Cliffhangern enden, die mich in den Wahnsinn getrieben hätten, hätte ich Wochen auf die Fortsetzung warten müssen. Ich gehe nicht auf jede Episode ein, sondern fasse kurz und weitestgehend spoilerfrei zusammen.

Man spielt die 18jährige Maxine Caulfield, die mit ihren Eltern nach Seattle gezogen war, nun aber nach 5 Jahren alleine wieder in das kleine Städtchen Arcadia Bay zurückkehrt, um an der Blackwell Academy Fotografie zu studieren. Dort lebt auch noch ihre frühere beste Freundin Chloe, die ihr jedoch vorwirft, die alleine in dem Kaff zurückgelassen zu haben. Entsprechend hat sich Chloe eine neue beste Freundin gesucht, die jetzt jedoch spurlos verschwunden ist, was das Gesprächsthema in dem sonst so beschaulichen Küstenort ist.

Life is strange Chloe
Chloe rebelliert gegen die Welt der Erwachsenen

Max trifft das erste Mal wieder auf Chloe, als diese im Mädchen-WC der Universität von Nathan Prescott, reiches, kleines Arschloch, während eines Streits niedergeschossen wird. Max wird Zeuge der Tat und entdeckt durch den Schock, dass sie in der Lage ist, die Zeit zurückzudrehen. Diese Fähigkeit nutzt sie, um die Tat zu verhindern. So kommen sie und Chloe sich wieder näher und lassen ihre Freundschaft aufleben. Doch Chloes Sorge um ihre Freundin Rachel lässt natürlich nicht nach und beide machen sich zur Aufgabe, ihr Verschwinden aufzuklären. Gleichzeitig hat Max immer wieder Visionen von einem Tornado, der die Stadt zerstört. Diese Visionen werden im Laufe des Spieles noch eine größere Rolle spielen.

Life is strange Max visions of vortex
Was hat es mit den Visionen auf sich?

Im Grunde bewegt sich die Handlung auf zwei Ebenen. Einerseits geht es eben um diesen Fall des verschwundenen Mädchens, andererseits müssen sich Max und Chloe auch einfach durch den nicht immer leichten Alltag von Teenies durchschlagen. Max hat es zum Teil mit sehr arroganten Mitschülern zu tun, die alles und jeden mobben, was nicht ihrem eigenen sozialen Stand entspricht. Ganz vorne mit dabei ist immer der angesprochene Nathan Prescott, der dank seines einflussreichen Vaters auch mit allem davonkommt und zunehmend sadistische und perverse Tendenzen zeigt. Es gibt natürlich auch nette, sympathische Charaktere an der Akademie, mit denen Max interagiert, denen wiederum teilweise bei Problemen zur Seite steht und für die sie einfach eine Freundin  ist.

Chloe dagegen hat vor allem mit ihrem Stiefvater zu kämpfen, der als ehemaliges Mitglied der Armee auch zu Hause ein strenges Regiment führt. Er will alles kontrollieren, hat überall Überwachungskameras installiert und ist zu allem Überfluss auch noch Sicherheitsmann in der Schule und drangsaliert auch dort gerne die Mädchen und ihre Freunde.

Trotz all dieser Widrigkeiten kommen die beiden nach und nach hinter das rätselhafte Verschwinden von Rachel, begeben sich dabei jedoch zunehmend selbst in Gefahr, aus der auch Max‘ neu entdeckte Fähigkeiten sie oft nicht retten können.

 

Meine Meinung:

Das Spiel beginnt sehr langsam und führt in die Mechaniken und auch Charaktere ein. Darum muss man sagen, dass die erste Episode teilweise schon etwas langweilig ist. Hier darf man sich nicht abschrecken lassen, durch die 90 Minuten oder 2 Stunden muss man einfach mal durch. Es lohnt sich. Danach nimmt das Spiel enorm an Fahrt auf, es geschehen Dinge, die einen schockieren, die einen berühren und teilweise mit offenem Mund vorm Bildschirm sitzen lassen. Ich habe kaum ein emotionaleres Spielerlebnis gehabt als mit Life is strange. Warum ist das so?

Was das Spiel besonders gut macht, ist Charaktere zeichnen. Die Teenager wirken auch wie Teenager. Die Dialoge klingen nicht, als ob sie ein 40jähriger geschrieben hätte, der sich versucht zu erinnern, wie es „damals war“. Die Charaktere sind authentisch, ihre Motive nachvollziehbar. Sogar die Arschloch-Charaktere lernt man verstehen, wenn man sich mit ihnen beschäftigt und mitbekommt, was bei denen zu Hause so abgeht.  Die Beziehung zu Chloe steht natürlich im Vordergrund, doch auch zu anderen Charakteren baut man auch als Spieler eine Bindung auf. Als Mittdreißiger fand ich die ganzen Teenie-Dramen erst mal nervig, aber mit der Zeit fühlt man dann doch mit und Charaktere, die gemobbt und ständig fertig gemacht werden, tun einem dann doch leid und man schiebt regelrecht Hass auf die elitären, kleinen Pissnelken, die anderen das Leben schwer machen.

Doch letztlich liegt der Fokus immer wieder auf Chloe. Diese hat einiges durchgemacht in ihrem Leben uns ist ziemlich abgerutscht, nimmt Drogen und ist sehr rebellisch und ablehnend gegenüber Erwachsenen und Autorität. Auch das fand ich anfangs etwas nervig, doch man blickt schnell hinter die raue Fassade, die sie zum Selbstschutz aufgebaut hat. Ohne viel zu spoilern: Schnell ergibt sich daraus, dass man versucht, Chloes Leben zu verbessern, indem man schlimme Ereignisse aus ihrer Vergangenheit ungeschehen machen will, was natürlich jedes Mal Auswirkungen auf die Gegenwart hat. Wer den Film „Butterfly Effect“ gesehen hat, weiß, welche Folgen es haben kann. Gerade hieraus ergeben sich Momente, in denen einem das Herz in der Brust zerspringt. Wenn man versucht, die Vergangenheit zu verändern und die Folgen einen erschlagen. Man fühlt sich richtig beschissen und denkt „Was habe ich nur angerichtet?“.  Wann schafft das ein Spiel heute schon? Spiele haben selten den Mut, den Spieler so in die Weichteile zu boxen. Man soll sich ja gut fühlen, als strahlender Held, der den Tag rettet. Das Belohnungszentrum im Gehirn muss ja ordentlich gekitzelt werden. Das kann man bei „Life is strange“ vergessen. Oftmals kann man Entscheidungen zurücknehmen, indem man die Zeit zurückdreht, doch oft gibt es eben keine „richtige“ Entscheidung, man muss sich einfach Gedanken drüber machen, mit welchen Konsequenzen man am ehesten leben kann. Seien es Kleinigkeiten wie Streitereien zwischen Freunden, bei denen man eine Seite wählen muss oder gravierende Entscheidungen, die das Leben eines Charakters oder auch das eigene komplett aus der Bahn werfen können: Im Leben gibt es kein richtig oder falsch. Handeln hat Konsequenzen. Punkt.

Life is strange Kate rooftop
Entscheidungen haben weitreichende Konsequenzen

A propos Leben: Das ganze Szenario, die Stadt, die Häuser, die Menschen, alles wirkt frisch und lebendig.  Alle schreiben sich Emails, teilen Videos, nutzen soziale Netzwerke. Die Zimmer der Teenies sehen auch aus wie Zimmer von Teenies. Poster an der Wand, Klamotten auf dem Boden, CDs überall verstreut. Ein Wohnzimmer sieht aus als würde da auch jemand wohnen. Zeitschriften auf dem Tisch, Bücher im Regal, usw. Es sind diese Details, die eine Welt glaubwürdig machen. Man kann als Max auch einfach auf dem Bett liegen und Musik hören und es ist dann auch Musik, die ein 18jähriges Mädel wohl hören würde. Es passt einfach alles und ist stimmig.

Der Fall um die verschwundene Rachel wirkt ab und zu wie eine Nebensache, aber in den letzten Episoden entdeckt man immer mehr Hinweise und die ganze Story verdichtet sich. Logischerweise kann ich hier nicht weiter darauf eingehen, aber es bleibt auf jeden Fall bis zum Schluss spannend und auch hier ist man teilweise einfach wieder sprachlos, was einem da als Spieler „angetan“ wird.

Das Spiel hat zwei verschiedene Enden, das das ich gesehen habe, hat mich fertig gemacht. Ich habs aufgezeichnet, kanns mir aber kaum anschauen. So ging es mir zuletzt beim Ende von „Six Feet Under“. Zeigt mir diese beiden Enden nicht, wenn ihr keinen erwachsenen Mann weinen sehen könnt 😉

Wort zum Sonntag

„Life is strange“ würde als Film super funktionieren und als Spiel erst recht. Daher nochmal: Nicht von der ersten Episode abschrecken lassen und dem Spiel eine Chance geben. Digital gibt es das immer wieder zum absoluten Spottpreis, Augen aufhalten. Wer Coming-of-Age-Geschichten mag, nichts gegen ein bisschen Sci-Fi-Mystery hat und beim Spielen auch endlich mal wieder verdammt nochmal was fühlen möchte, statt interaktiv an der Schießbude zu stehen, muss sich das Spiel gönnen. Ich hoffe auf eine Fortsetzung bzw. ein ähnliches Spiel der Entwickler mit anderen Charakteren. Trotz meines brennenden Plädoyers für dieses Spiel übernehme ich natürlich keine Haftung für seelische Narben und andere Folgeerscheinungen.

2 Gedanken zu „Spieletipp: „Life is strange“ – Mehr als ein Teenie-Drama

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