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Spielrezension: Rime – Schiffbruch eines Schreihalses

Rime ist das grafisch prachtvolle neue Puzzle-Adventure von Tequila Works und versetzt euch in die Lage eines kleinen Jungen, der Schiffbruch erleidet und auf einer mystischen Insel strandet.

Das Spiel beginnt direkt am Strand der Insel, an dem ihr angeschwemmt werdet. Mehr Hintergrund erfahren wir erst mal nicht. Ihr wisst nicht, wer ihr seid, wo ihr eigentlich hin wolltet und was passiert ist. Ihr wacht einfach am Strand auf. Auf wackeligen Beinen macht ihr euch dann auf zum Inselinneren. Das Spiel gibt einem auch keine Auskunft, was ihr jetzt großartig machen sollt, aber es fallen euch direkt Wegpunkte auf, die es abzuklappern gilt. Die Insel erinnert ein wenig an eine antike, griechische Insel, so auch der Baustil der Gebäude. Es wird schnell klar, wo man hin soll, ich hab mich eigentlich im gesamten Spiel nie verlaufen. Unterwegs gibt es dann immer wieder kleine Rätsel zu lösen, die meist daraus bestehen, Dinge zu verschieben oder zu aktivieren. Gerade für letzteres setzt der Junge, der sonst nie spricht, gerne seine Stimme ein. Man schreit Schalter u.ä. an, um sie zu aktivieren. Bequemerweise leuchtet quasi alles in einem strahlenden Türkis, was auf „Spracheingabe“ aktiviert. Ihr rennt also durch die Gegend, schreit Sachen an und aktiviert so Türen u.ä.Schnell ruft man so auch einen kleinen Fuchs herbei, der einen dann immer wieder im Spiel begleitet und einem zusätzlich hilft, immer den richtigen Weg zu finden.

Rime

Schnell stellt man dann fest, dass die Insel nur ein kleiner Teil des Spieles ist. Nach vielleicht einer Stunde hat man dort alles gelöst und wacht in einer anderen Welt auf. Diese ist eher wüstenartig und ein bösartiges Vogelmonster will einem an die braungebrannte Haut. Dann löst man hier wieder kleine Rätsel, um teilweise das blöde Viech auszuschalten, aber auch wieder, um einfach weiter zu kommen und die nächste Welt zu betreten. Die Welten werden immer düsterer und gefährlicher, die Atmosphäre im Spiel ist wirklich schön umgesetzt. So gehts insgesamt ca. 6-7 Stunden, dann ist man durch. Kämpfe oder großartige Actionszenen gibts nicht, viel Geschick ist nicht gefordert. Es gibt jedoch einiges zu Sammeln. Da ich nicht viel Wert auf Trophäen lege, habe ich mir die Mühe nicht gemacht. Wenn ihr alles suchen wollt, könnt ihr bestimmt nochmal 3 Stunden draufrechnen.

Was das Ganze jetzt wirklich soll, erfährt man in den letzten 10 Minuten. Ich spoiler das Ende hier nicht, gehe aber nachher mit Vorwarnung nochmal drauf ein.

Der alte Kackvogel will euch an die Haut

 

Meinung:

Was Rime vor allem auszeichnet, ist die Präsentation. Der Grafik- und Artstil des Spieles war Hauptgrund, warum ich das Spiel überhaupt spielen wollte. Es erinnert mit seinem Celshading-Look an Journey oder Abzû, bei der Insel denkt man schnell auch an The Witness. Die Welten werden zunehmend surreal und verstörend, bieten aber dennoch alle auf ihre eigene Art eine gewisse Schönheit. Da es keine Anzeigen oder sonstwas gibt, habt ihr die volle Pracht auf dem Bildschirm. Hier kann man auch den ein oder anderen Screenshot schießen. Lohnt sich. Untermalt wird das Ganze dann noch von einem orchestralen Soundtrack, der die Stimmung wunderbar transportiert. Die Stimmung erinnert vielleicht an typische Team Ico-Spiele wie eben Ico oder Shadow of the Colossus. Trotz des kleinen Fuchses spürt man halt eine gewisse Einsamkeit. Auf der wunderschönen Insel vielleicht noch nicht so, hier laufen ja auch Tiere rum und der strahlend blaue Himmel hebt eher die Stimmung (und Urlaubslaune), aber spätestens, wenn man durch dunkle Höhlen und Tempel läuft, fühlt man sich schon ziemlich alleine.

Die Rätsel sind größtenteils leider ziemlich einfach. Man hat hier kein Niveau von The Witness, wo die grauen Zellen Polka tanzen. Im Grunde würde ich sagen, dass auch ein Kind das Spiel durchspielen könnte. Manchmal brauch man kurz, um zu raffen, was man überhaupt machen soll, aber dann ist jedes Rätsel ratzfatz gelöst. Das ist bisschen schade, Herausforderung sucht man in dem Spiel komplett vergebens. Letztlich lebt das Spiel nur von seiner Atmosphäre und Präsentation.

Im jetzt folgenden Abschnitt gehe ich aufs Ende ein, wenn ihr es also nicht nicht gespielt habt, überspringt den fetten Text:

Am Ende erfahren wir, was es mit diesen verschiedenen Welten tatsächlich auf sich hat und was die Hintergründe sind. Tatsächlich seid ihr als Junge mit eurem Vater auf dessen Schiff unterwegs gewesen und in einem Sturm über Board gegangen und ertrunken. Ihr seid also tot. Das gesamte Spiel stellt die verschiedenen Phasen der Trauer des Vaters dar. Die schöne Insel ist z.B. die Phase des Leugnens. Der Vater akzeptiert nicht, dass der Junge tot ist. Er ist stattdessen an einem wunderschönen Ort und es geht ihm gut. Dann kommt die Phase, intensiver, aufbrechender Emotionen, die sicher auch durch den Vogel symbolisiert werden, der den Jungen fressen will. Die Idee fand ich eigentlich sehr schön, aber das alles in den letzten paar Minuten reinzupressen, war bisschen wenig. Man spielt 7 Stunden, hat keine Ahnung, wo die Reise hingeht und bekommt dann in 10 Minuten oder weniger kurz dargelegt, was das Ganze jetzt eigentlich sollte.

Insgesamt fand ich das Spiel durchaus gelungen. Präsentation und Atmosphäre sind natürlich Geschmackssache, ich fands aber super. Ich mag auch die bereits angesprochenen Journey und Abzû sehr gerne. Einfach chillige Spiele für nen lauschigen Abend. Das reine Spieldesign hat mich jedoch weniger überzeugt. Ich hätte schon gerne etwas mehr an Rätseln geknabbert und vielleicht auch durchaus gerne mal gekämpft. Von daher muss ich sagen, war es auch einfach etwas zu teuer. 39 Euro für 6 Stunden? Da wären auch 10-15 Euro weniger angemessen gewesen. Für wen Geld keine Rolle spielt, kann gern zugreifen, wer auf Preis/Leistung achtet, wartet vielleicht auf ein Angebot.

 

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